Essays

Bilder, Abbilder, Fotografien – und was diese mit Kompetenzentwicklung zu tun haben

Essay zur Fotoausstellung „Wegzeichen : // Lernwege“

Die Welt ist voller Bilder. Als Teil dieser Welt erfahren Menschen jene Bild-angebote sehr unterschiedlich. Abhängig von der unmittelbaren Seh-Situation werden sie mehr oder weniger bewusst wahrgenommen. Bilder werden Teil eines individuell verfügbaren Archivs, das einen unterschiedli-chen Reichtum von Erfahrungen und Assoziationen sublimiert. Bilder als Abbilder der Wirklichkeit sind gleichzeitig höchst widersprüch-lich. Das, was Bilder als Wirklichkeit scheinbar objektiv abbilden, unter-liegt dem subjektiven Abgleich auf dem Hintergrund von Zeit, Ort und dem verfügbaren Assoziationsreichtum von Bilderfahrungen. Die gesehene Wirklichkeit der Bilder ist jedoch immer mehr als nur ihr ein-faches Abbild von Irgendetwas. Das Bild ist ein Kommunikationsangebot, das durch den Betrachter eine Dechiffrierung und Interpretation erfordert und – bewusst oder unbewusst – auch erfährt. Sie sind anhand der unter-schiedlichen lebensweltlichen Perspektiven, von wo aus diese Bildaneig-nungen passieren, immer auch eine Widerspiegelung von kulturell impli-zierten Reflexions- und Handlungsmöglichkeiten. Fotografien, verstanden als Momente einer gefrorenen Zeit, gehören seit mehr als 100 Jahren zu einem allgemein verfügbaren und anerkannten Bildarchiv. Täglich werden millionenfach Fotografien als Erinnerungsbilder in Fotoalben sorgfältig aufgehoben oder achtlos irgendwo abgelegt – und häufig vergessen. In ihnen ist Zeitgeschichte in ihren vielfältigen sozialen Verknüpfungen dokumentiert, auch dann, wenn sie in der Regel einem privaten Gebrauchswert als bildhafte Lebenserinnerungen in ihren familiä-ren Bezügen dienen. Solche sozialen Beziehungsstrukturen ergeben sich als Möglichkeit vor al-lem dann, wenn die private Interessenperspektive nur als ein Bezugspunkt von Zeit, Ort und Person antizipiert wird. Im Moment des Fokussierens auf 1 die in den Fotografien enthaltenen sozialen Kontexte werden weitere Per-spektiven und Reflexionsoptionen im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Wahrnehmung und Assoziation ande-ren Gesetzen als dem rational-logischen Denken folgen, wird anhand foto-grafisch induzierter Diskurse eine thematische Sensibilisierung und Kom-munikation gestaltet. Die Ausstellung „Wegzeichen : // Lernwege“ ist im Verständnis einer foto-grafischen Interventionen konzipiert und realisiert worden, die Fotografien als reflektierte Abbildungen von sozialen Umfeldern versteht. Die bewusste Beschränkung auf die Palette der Grauwerte einer Schwarz-Weiß-Fotografie reduziert dabei nicht die Vielfalt der bild-orientierten Kommunikationsangebote. Sie verstärkt vielmehr unmittelbarer eine sen-sibilisierte Wahrnehmung der Bildinhalte und –kontexte. Farbfotografien unterliegen häufig der Gefahr der Beliebigkeit des schönen Scheins, des schöner Scheinens von Wirklichkeit. Innerhalb des Diskurses über Kompetenzentwicklung ist „Wegzeichen : // Lernwege“ Ausdruck eines Kommunikationsangebots, das sich nicht zuerst auf Sprache bezieht, sondern auf Wahrnehmen durch Sehen und damit komplexe Medienerfahrungen (der Mediengesellschaft) intendiert. Fotografien als Abbildungen/Bilder sind sprachmorphologisch den Begrif-fen Bildung/Weiterbildung verwandt. Sie beschreiben Prozesse des For-mens, Gestaltens und Entwickelns. Fotografien sind geöffnete Fenster, die „anderes Sehen“ ermöglichen; sie lassen „andere Lernräume“ sichtbar werden. Fotografien geben Impulse, wenn sich Menschen auf einen Diskurs mit ih-nen und mit sich selbst einlassen. Indem sie sich in einen fotografisch ori-entierten Dialog begeben, antizipieren sie auch „andere Lernwege“. Angesichts mancher wohlfeiler Aufforderungen zu lebenslangem und selbstorganisiertem Lernen, die manchmal ihren Leerformelcharakter nicht 2 verbergen können, eröffnet die Fotoausstellung „Wegzeichen : // Lernwe-ge“eine Reflexionsebene, die genannte Engführung eigener Lernbedürfnis-se bzw. Lernanforderungen zu überwinden. Die thematischen Bildangebo-te der Fotoausstellung sind Ermöglichungsstrukturen für Kompetenzent-wicklung in ganz gewöhnlichen Alltagsbezügen. Jede Lebenssituation kann als potenzielle Lernsituation verstanden – und als solche angenommen und akzeptiert werden. Sie ist immer mehrfach konnotiert: durch kommunikative Rückmeldungen, durch soziale und kul-turelle Ortsimplikationen, durch Gebots- und Verbotshinweise. Es findet ein ständiger Prozess von Informationsaufnahme, Wahrnehmung und Ori-entierung statt, der häufig einer nicht immer bewussten Verhaltensnorm folgt. Ausblenden, Wegschneiden oder Beschränken der Wahrnehmungen in einer unbeschränkten, öffentlich vorhandenen Angebotsvielfalt von Bil-dern, Toncollagen und Wortfragmenten als verinnerlichte „Überlebens-technik“ verhindert, schränkt aber gleichzeitig Möglichkeiten von Lernen im sozialen Umfeld ein – einem Lernen, das nicht einer Formallogik von Mittel- und Zweckrelationen folgt, sondern auf eine Wahrnehmungsmög-lichkeit für Zeichen („Wegzeichen“) und für Lernumgebungen im Alltag („Lernwege“) verweist. Die Fotoausstellung „Wegzeichen : // Lernwege“ nimmt diese Bezugsgrö-ßen auf, indem sie in jedem Bilderrahmen zwischen zwei Fotografien eine dialogische Situation konfiguriert. Im Titel drückt sich die jeweilige pro-grammatische Intention zwischen Ortsbeziehungen und Textelementen in ihren sozialen Umfeld- und Reflexionsbezügen aus. Durch die Orts- und Zeitangaben der Fotografien ergeben sich erweiterte, manchmal sogar auch erst dadurch veranlasste Wahrnehmungsperspektiven. Sie ermögli-chen, Lernstrukturen zu beschreiben, die Momente von Persönlichkeits- als Kompetenzentwicklung unmittelbar evozieren. Die Bildpaare vermitteln in ihrer programmatischen Präsentation weder Zustimmung noch Ablehnung. Die Bewertung gesellschaftlicher Verände-3 rungsprozesse, die sich möglicherweise aus den Fotografien ergeben, ist für die Ausstellungskonzeption nicht zentral. Dass sie, als politischer Bild-kommentar verstanden, Lernanlässe bietet, ist durchaus gewollt. An einigen ausgewählten Beispielen aus der Fotoausstellung soll die Ziel-orientierung als fotografische Intervention argumentativ verdeutlicht wer-den. Sie stellen exemplarisch Lernkontexte des sozialen Umfeldes in den Mittelpunkt.

Scroll UpScroll Up copyright: Peter E. Rytz